Rechnung von Lebenserwartung.TV

-- 21.August 2006 (#70)

Heute landete eine überraschende E-Mail im E-Mail-Postfach meiner Uni-Adresse. Die Mail kam von der Firma „Top Tel Marketing GmbH“ und man stellte mir eine Rechnung über 48,00 Euro für ein Ein-Jahres-Abonnement der Seite www.lebenserwartung.tv.


Lebenserwartung.tv

lebenserwartung.tv ist eine Seite, welche die Besucher mit einem Test lockt, bei dem man seine statistische Lebenserwartung erfahren kann. Der Haken an der ganzen Sache ist, dass man mit dem unverfänglich ausschauenden Registrierungsformular auch gleichzeitig einen Vertrag abschließt. Dieser Vertrag beinhaltet eine 12-monatige Mitgliedschaft. Über die wahre Natur dieser Registrationsmaske wird freilich nur im Kleingedruckten hingewiesen.

Wie genau Top Tel Marketing an meine Adresse gekommen ist, kann ich nur noch erraten, denn der fragliche Vertrag kam am 26.06 zu Stande. An die Seiten, die ich vor 2 Monaten mal angesurft habe, kann ich mich natürlich kaum noch erinnern und deshalb kann ich das Geschehen nur noch die folgt rekonstruieren:
Da Studenten bei Uni-E-Mail-Adressen ab und an mal über Aktionen, Umfragen und ähnliches informiert werden, habe ich mir bei dem Aufruf von lebenserwartung.tv, an einem Test teilzunehmen, nichts gedacht. Die Website macht einen recht ordentlichen Eindruck und der wissenschaftliche Hintergrund, den die Seite anpreist, passt eigentlich auch ganz gut zu einer Hochschulumfrage. Anders als der ganze Spam, den man sonst so im Postfach hat, ist auch die Rechtschreibung sehr seriös. Der Spam-Filter des Uni-Servers hat die Mail anstandslos durchgelassen und die Technik hat auch keine nachträglich Warnmeldung rausgegeben. Ich habe deshalb interessehalber einmal auf die Seite geschaut und hey, wer will nicht gerne mal wissen, wie alt er wohl wird? Vermutlich habe ich dann meine Daten eingegeben (ohne die AGB zu lesen, aber mal unter uns, wer macht das schon?) und OK geklickt. Direkt darauf muss ich die Seite aber auch schon wieder verlassen haben, denn ich kann mich an den Test absolut nicht erinnern.


Die Rechnung

2 Monate später habe ich nun diese Rechnung im Postfach mit dem Text:

Ihre Rechnungsnummer Rech-LETV-007177

Sehr geehrter Herr Dirk Niemeier,

am 28.06.2006 haben Sie sich (mit der IP-Adresse 134.147.67.70) für den Service von Lebenserwartung.TV entschieden. Dadurch erhalten Sie Zugang zum Mitgliederbereich von Lebenserwartung.TV.

Hier erhalten Sie nun die Rechnung für 12 Monate im Voraus, wie vertraglich vereinbart.

Bitte überweisen Sie den Betrag von 48,00 Euro innerhalb von 7 Tagen auf das unten angegebene Konto:

Kontoinhaber: TopTelTelemarketing GmbH
Kontonummer: 73746709
Bankleitzahl: 60010070
IBAN: DE92600100700073746709
SWIFT-BIC: PBNKDEFF
Bank: Postbank Stuttgart

Verwendungszweck: LETV-007177

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Im Mailanhang finden Sie die Rechnung im PDF-Format. Diese können Sie mit dem kostenlosen Adobe Reader öffnen, diesen erhalten Sie unter http://www.adobe.com/products/acrobat/readstep2.html

Sollten Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte an unser Service Center. Wir danken Ihnen für Ihre Anmeldung und wünschen Ihnen viel Vergnügen!

Mit freundlichen Grüssen

Ihr Team der TopTelTelemarketing GmbH

Service Center:
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Service Hotline: folgt
Service FAX: 00423 69742 9910
Email: info@Lebenserwartung.TV
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Anhang: Rech-LETV-007177-2006-08-21.pdf (seltsamerweise mit falschen Straßennamen und Straßennummer)


Michael Kirsch

Hinter dem Verein Lebenserwartung.TV steckt (oder steckte?) Michael Kirsch. Im Internet sind bereits einige leidgeplagte Opfer, die völlig verstört oder verärgert um Hilfe bitten. Offenbar versucht man durch aggressive Drohungen den Leuten das Geld abzuluchsen. Falsche Adressangaben werden dabei als „Betrugsversuch“ tituliert, bei Nichtzahlungen wird mit Inkassobüro, Klage und Insolvenz gedroht. Mit Sicherheit gibt es Leute, die sich davon einschüchtern lassen und leider Gottes den Zahlungsaufforderungen nachgeben. Klar, denn bei 50 Euro hat man Angst, dass sich bei Wahrwerden der Androhungen die Kosten schnell zu unverhältnismäßig großen Summen potenzieren. Zudem wird in der Rechnung der Firmensitz im schweizerischen Zürich angegeben, was viele denken lässt, dass sich Top Tel Marketing damit der hiesigen Gerichtsbarkeit entzöge.


Vergangenes

Michael Kirsch hat bereits unter dem Firmennamen „MKAV“ die Seite www.klinische-forschung.tv betrieben. Diese Seite wurde durch Spam-Mails verbreitet und bot die Möglichkeit als Medikamenten-Tester einige Euros zu verdienen (von bis zu 4000 Euro war die rede). Für die Teilnahme an den medizinischen Tests musste man aber erstmal 80 Euro berappen. Die in Fulda ansässige „Firma“ wurde dann von der hessischen Polizei durchsucht, die Website geschlossen und Michael Kirsch verhört. Der Vorwurf war natürlich der Betrug. Interessanter Weise ist Michael Kirsch ein gerademal 22-Jähriger Azubi, der noch bei seinen Eltern wohnt. Er prahlte in der Schule angeblich über seine Computer-Kenntnisse. Die Firmenadresse mit „Stockhaus 2“ war nur eine Scheinadresse. Zu den Vorwürfen selbst schwieg der junge Mann.
Auch bei der Medikamententester-Datenbank wurde dasselbe Prinzip wie bei lebenserwartung.tv angewandt. Die 80 Euro für die Registrierung wurden dezent verschwiegen, Nichtzahlungen wurden mit wilden Drohungen gekontert.

Ergebnis der Ermittlungen ist bislang, dass Michael Kirsch seine Medikamententest-Datenbank eingestellt hat und auf die Website die Begründung anführt, dass momentan keine weiteren Studien ausgeschrieben seien. Der Nachweis, dass Michael Kirsch in betrügerischer Absicht gehandelt habe, bliebe aber noch aus.

Tja, leider dauern die Ermittlungen noch an, denn andernfalls – da bin ich mir sicher – hätte ich diese Rechnung gar nicht mehr bekommen. Jetzt kann sich Herr Kirsch voll und ganz auf lebenserwartung.tv konzentrieren, welche ebenfalls mit Spam-Methoden beworben wird. Wobei… lebenserwartung.tv scheint nun viel mehr von der Firma MKAV zu Top Tel Marketing gewandert zu sein. Die ganze Geschichte ist nur leider so verworren, dass man nicht weiß, ob hinter Top Tel Marketing dieselben Leute stecken wie bei MKAV oder ob die Website tatsächlich ihren Besitzer gewechselt hat.


Was tun?

Ich habe im Internet nun einige Stories dazu gelesen und der Schluss daraus kann nur sein, dass man jegliche Zahlungsansprüche abweisen sollte. Die Masche von Michael Kirschs Verein ist es, zu drohen und einzuschüchtern, bis die Wände wackeln. Da heißt es hart bleiben und sich nicht unterbuttern lassen, denn wer Kohle springen lässt, ist am Ende der Dumme.
Bei der Rechnung sollte man Widerruf einreichen (das ist nachträglich kein Problem, weil man bei Vertragsabschluss nicht hinreichend auf das Widerrufsrecht hingewiesen wurde). Am besten ist es, den Widerruf per Einschreiben geltend zu machen. Sollten danach noch weitere Zahlungsaufforderungen und Drohungen kommen, dann werde ich dementsprechend auf einem sachlichen Level zurückzublöken versuchen. Drohungen können dann in Gegendrohungen umschlagen, frei nach dem Stromberg-Zitat: „Wenn dir jemand blöd kommt, dann musst du ihm einfach noch blöder kommen!“.


Antwortschreiben

Meine Antwort auf die Rechnung lautet wie folgt (Widerruf per Einschreiben soll noch folgen):

Sehr geehrte Damen und Herren,

hier liegt wohl ein Irrtum vor. Ich habe wider besseren Wissens ein kostenpflichtiges Abonnement abgeschlossen. Ihr Angebot suggerierte mir, dass es sich lediglich um ein kostenlosen Test handele. Wie Sie sicherlich wissen, muss der Kunde nach gültiger Rechtsauffassung auf die Kostenpflichtigkeit eines Angebots und dessen Widerrufsrecht hinreichend hingewiesen werden. Da Sie mich nicht ausreichend darüber informiert haben und mir die Kostenpflichtigkeit ihres Tests erst jetzt bewusst wurde, möchte ich nachträglich von meinem Widerrufsrecht Gebrauch machen. Ich lehne jegliche Zahlungsaufforderungen ab und erkläre mich im Gegenzug bereit, die Angebote von lebenserwartung.tv nicht in Anspruch zu nehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Dirk Niemeier

Und mein schriftlicher Widerruf: Widerruf Lebenserwartung.TV


Das Ende vom Lied

Nach einiger Zeit trudelte bei mir eine E-Mail von TopTelMarketing ein, indem mein Widerruf kurz und schmerzlos anerkannt wurde:

Sehr geehrter Herr Niemeier

wir bestätigen Ihnen Ihre Kündigung zum 21.08.2007.