Vorstellungsgespräch: Erfahrungen, Eindrücke und Kurioses

-- 30.Juli 2006 (#66)

Ich hatte 14 Vorstellungsgespräche zur Ausbildung als Fachinformatiker – Anwendungsentwicklung. Die meisten Vorstellungsgespräche waren in Ordnung. Man hat am Anfang des Gesprächs natürlich immer etwas Bammel und ist sich trotz Durchlesens von zig verschiedenen Ratgebern unsicher. Irgendwann legt sich das im Gespräch aber und man kann etwas lockerer drauflos reden. Wenn man Glück hat, stellt sich plötzlich sogar heraus, dass man mit dem Gesprächspartner offen reden kann ohne taktieren zu müssen. Sämtliche Lockerheit hilft aber nichts, wenn man im Gespräch nach einigen Minuten merkt, dass man einfach nicht zueinander finden will. Man findet die Person gegenüber nicht sympathisch und die Chemie stimmt einfach nicht. Ich habe daher auch ungefähr eine Handvoll von kuriosen und negativen Erfahrungen gemacht.


Azubi-Mathematik = Hochschul-Mathematik?

In einem Gespräch saß ich mit den beiden Firmengründern zusammen. Irgendwann kamen wir auf das Thema Mathematik zu sprechen, da ich Informatik ein Semester lang studiert hatte und dieses Studium nun wegen der vielen theorielastigen Mathematik zu Gunsten einer Ausbildung verwerfen wollte. Ich hatte im Mathe-LK 7 Punkte (3-). Das ist nicht sonderlich überragend, aber auch nicht dramatisch schlecht. Meine Gesprächspartner sahen das anders und meinten ich sei mit der Mathematik auf Kriegsfuß, was meine Schulnoten ja wohl unterstreichen würden. Ferner lief die Diskussion darauf hinaus, dass man mir weiß machen wollte, dass die mathematischen Anforderungen in der Ausbildung genauso hoch seien wie in der Hochschule. Ich habe verzweifelt versucht einige Einwände zu bringen, habe dann aber nicht weiter auf meinen Standpunkt beharrt. Hochschulmathematik ist im Vergleich zur Oberstufenmathematik eine Mathematik aus einer anderen Galaxis, ansonsten könnte ja jeder Informatik-Azubi auch genausogut Informatik studieren. Ich will nicht abstreiten, dass auch in der Ausbildung anspruchsvolle mathematische Aufgaben zu bewältigen sind, nur werden diese eben von einer praktischen Seite angegangen. Die Hochschulmathematik besteht aus Beweisen, Lemmas, Korollaren, Sätzen etc., womit ein auszubildener Fachinformatiker niemals zu tun haben wird. Die Unterstellung, dass mein „Versagen“ an der Hochschulmathematik auch automatisch bedeuten würde, dass ich an der praktischen Mathematik scheitere, fand ich ziemlich frech – insbesondere weil ich mir das von 2 Leuten sagen lassen musste, die kein Informatik/Mathematik studiert hatten.

Obwohl man mich anscheinend für mathematisch ungeeignet hielt, hat man mir die Teilnahme an einem Eignungstest angeboten. Er sollte 4 Stunden gehen. Der Test entpuppte sich als eine Farce. Ich bekam einen widerwilligen ausrangierten Taschenrechner mit Grundfunktionen (anders hätte man die ganzen Rechnungen mit ungeraden Zahlen auch nicht in angemessener Zeit lösen können) und wurde neben einer stattlichen Anzahl mathematischer Fragen auch mit dämlichen Fangfragen bombadiert. Dort hieß es z.B. „Ein Politiker wurde mit Tomaten beworfen und schwer verletzt, wie kann das sein?“, „Ein Sportler liegt tot auf dem Rasen, neben ihm liegt ein Paket, es ist kein Lebewesen zu sehen. Was ist geschehen?“ oder „Der kleine Tim fiel aus dem 12. Stock und blieb unverletzt, warum?“. Natürlich soll man hier zeigen, ob man „situativ denken“ kann, dennoch fand ich diesen Test für die Ausbildung des Fachinformatikers ungeeignet. Bei praller Sonne und einem störrischen Taschenrechner war meine Geduld nach 4 Stunden Testzeit auch zu Ende und ich gab den Test ungeprüft ab.

Interessanterweise war der jetzige Azubi der Firma gerade fertig geworden und überlegte, ob er nicht studieren solle. Meine beiden Gesprächspartner waren wegen meines „Hochschulausflugs“ hellhörig geworden und wollten, dass ich dem Ex-Azubi das Studieren ausrede. Klar, denn sie wollten ihn weiter in der Firma beschäftigen. Man fragte mich, ob ich bereit wäre ihn mal mit in eine Mathe-Vorlesung an meiner Uni zu begleiten. Ich willigte ein, eine Ausbildung hat mir dieses selbstlose Verhalten aber nicht gebracht, denn ich bekam eine Absage.

Letztendlich hat sich die Firma entschieden, gar keinen Auszubildenden einzustellen. Wen wundert das, wenn die Kenntnisse eines studierten Mathematikers verlangt werden?


Seltsame Ansichten

In einem anderen Vorstellungsgespräch traf ich auf einen Firmeninhaber, der etwas seltsame Ansichten hatte. Er beschwerte sich nach dem offiziellen Teil des Vorstellungsgeprächs über das Niveau einiger Bewerber (vermutlich sogar zu Recht). Ein Bewerber hätte sich als „Java-Guru“ bezeichnet, nur weil er in einem Praktikum 2 Wochen den Programmierern über die Schulter sehen durfte. Andere wiederum seien völlig lustlos und hätten zu wenig Vorkenntnisse, weil sie nur einen Notnagel suchten oder keinen konkreten Berufswunsch hätten. Ich versuchte daraufhin diese Bewerber zu verteidigen indem ich sagte, dass besonders manche Haupt- oder Realschüler noch nicht immer wissen können, welcher Beruf nun für sie geeignet ist und dass die Ausbildungssituation für manche eben wenig Chancen lässt, sodass sie eben Bewerbungen für ihre Zweit- oder Drittwahl schreiben müssen, um überhaupt etwas zu bekommen. Zudem würden einige Firmen auch zu hohe Anforderungen an Vorkenntnisse und Schulnoten bei angehenden Azubis stellen.

Ich war ein wenig baff, als mir dann gesagt wurde, dass das Ausbildungsplatz-Problem gar nicht existiere, sondern nur ein selbstgemachten Problem in den Köpfen vieler Leute sei. Der Ausbildungsplatzmangel sei also nur Einbildung und jeder Schulabgänger könne seinen Traumberuf erlangen, wenn er sich etwas dafür anstrenge. Auch das Firmen zu hohe Erwartungen stellen, sei nur ein Gerücht, dass es schon seit Jahrzehnten gäbe.

Nun denn, wenn mir jemand in jedem zweiten Satz widerspricht, dann muss ich annehmen, dass die Firma und ich zwei völlig unterschiedliche Philosophien vertreten. Ich bekam zwar das Angebot zu einem Praktikum, habe es aber abgelehnt, da ich eine Zusage von einem Unternehmen bekam, bei dem die Chemie mit mir stimmte.


Fragen nach Schema F

Wer sich mal die Ratgeber zu Vorstellungsgesprächen durchgelesen hat, der wird gemerkt haben, dass man ausdrücklich davor gewarnt wird 0815-Antworten zu geben. Extremes Beispiel ist die Antwort „Ich bin manchmal zu perfektionistisch“ auf die Frage, was man denn für Schwächen hat. Fast jedes Buch warnt vor solchen ausgelutschten Standardantworten, die für den Personalleiter einfach zu durchschauen sind und den Bewerber unnatürlich (in diesem Zusammenhang wird immer von „unauthentisch“ gesprochen) erscheinen lassen.

Der andere Fall: Der oder die Gesprächspartner sitzen einem gegenüber und spulen ihre 5 Standardfragen herrunter. Wieso werden eigentlich statt Bewerber nicht auch mal Firmen vor solchen Bewerbungspraktiken gewarnt? „Wie stellen Sie sich ihre berufliche Zukunft vor?“, „Was sind Ihre Stärken und Schwächen?“, „Was wissen Sie über den Beruf?“, „Wo wollen Sie in 5 Jahren stehen?“, „Wie reagieren Sie, wenn ein Kunde sich beschwert?“ etc. – da schläft einem ja nur noch das Gesicht bei ein. Der Gesprächspartner spult seine Fragen herunter und der Bewerber spult daraufhin seine Antworten herunter, das ist einfach zu billig und schreit doch geradezu danach dem Bewerber gekünstelte 0815-Antworten in den Mund zu legen. Ein Vorstellungsgespräch sollte immer so individuell sein, dass man sich nicht schon zu Hause einen Antwort-Katalog erstellen kann. Individuelle Bewerbungsgespräche bedeuten aber natürlich auch, dass viele Bücher über Vorstellungsgespräche keine Daseinsberechtigung haben dürften… tja, in einer besseren Welt werden Standard-Vorstellungsgesprächfragen vielleicht irgendwann einmal abgeschafft sein.

Wie auch immer, denn ich hatte zum Glück nur 2 Vorstellungsgespräche nach diesem vorhersehbaren Muster. Beide resultierten in Absagen.


Zu hohe Erwartungen

Einmal kam es gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch, sondern ich verbaute mir schon durch das vorangegangene Telefongespräch alle Möglichkeiten. Mir wurden 3 oder 4 Fragen gestellt, welche folgende waren: „Können Sie Visual Basic?“, „Haben Sie Ahnung von Access?“, „Sie haben vorher nicht Technischer Assistent gelernt, oder?“. Alle Fragen musste ich verneinen und versuchte verzweifelt zu erklären, dass ich statt VB Delphi in der Schule hatte und statt Access bereits einige Sachen in MySQL gemacht habe und ein wenig Ahnung von Datenbankmodellierung hätte. Ich hatte auch vorgeschlagen, ihm mein letztes Delphi-Programm zu zeigen. Mit einem despektierlichen Unterton gab man mir durch die Blume zu verstehen: „Naja, viel haben Sie ja noch nicht gemacht“… dabei war die Voraussetzung nur Mittlere Reife. Mir war klar, dass meine Chancen gegen Null gesunken waren und ich habe seitdem auch nichts mehr von dieser Firma gehört (was leider auch für meine Bewerbungsmappe gilt).


Absage kurz vor Praktikum

Bei einem Vorstellungsgespräch bekam ich das Angebot, durch ein zweiwöchiges Praktikum mal einen Einblick in die Firma zu bekommen. Ich sollte bis nächsten Dienstag Bescheid sagen, ob ich Interesse hätte. Ich meldete mich wie vereinbart am Dienstag und schrieb eine E-Mail, dass ich bereit bin das Praktikum anzutreten. Die Antwort darauf war niederschmetternd: „Leider kann ich Ihnen keine Zusage für ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz geben, da ich den Eindruck gewonnen habe, dass Sie nicht in unser Team passen würden. Viel Glück bei Ihren anderen Bewerbungen“.

Gut, dann eben nicht, aber muss man jemandem dann erst Hoffnungen machen? Meine Mappe habe ich von dieser Firma außerdem trotz Nachfrage immer noch nicht wiederbekommen.


„Danke, dass sie trotzdem da waren“

Dieser Satz ist meinem Gesprächspartner im letzten Vorstellungsgespräch am Ende rausgerutscht. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich ein Ausrutscher war und gar nicht so gemeint war, aber es macht einen als Bewerber natürlich nachdenklich. Ich hatte eigentlich das Gefühl, dass das Gespräch ganz gut gelaufen ist, daher wunderte mich diese Aussage, bin aber auch nicht weiter darauf eingangen.


Assessment Center

Assessment Center (kurz AC) blieben mir zum Glück erspart, was vor allen Dingen daran liegt, dass ich mich fast nur bei kleinen Firmen beworben habe. Assessment Center sind optimierte Auswahlverfahren für Stellenbewerber, bei denen man allerlei „lustige Spielchen“ absolvieren muss. Derjenige, der dann am Ende in allen Disziplinen am besten abgeschnitten hat, bekommt dann den Job. Bei Assessment Center muss man neben einen Eignungstest auch schon mal Rollenspiele machen oder eine Gruppendiskussion führen und am Ende spielt man die Reise nach Jerusalem und macht Topfschlagen. Ein Beispielaufgabe könnte z.B. sein „Argumentieren Sie, warum man eher Volleyball als Fußball spielen sollte“ oder „Führen sie ein fiktives Verkaufgespräch, warum der Kunde gerade diesen Kulli kaufen sollte“. Einige Sachen beim Assessment Center sind sinnvoll, vieles ist zweifelhaft oder albern.