Essay zu Quizsendungen/Rätselspiele/Gewinnspiele – E-Mail an 9Live und Co.

-- 17.August 2005 (#20)

Jeder kennt sie inzwischen und jeder regt sich drüber auf, dennoch schießen sie wie Pilze aus dem Boden: Quizsendungen und Gewinnspiele. In der Regel beginnen diese Sendungen gegen den späten Abend und beanspruchen gleich mehrere Kanäle für sich (Kabel 1, 9Live, Sat1, ProSieben…). Diese Sendeformate („Transaktionsfernsehen“) haben sich unter dem Dach der ProSiebenSat.1 Media AG zu einer Achse vereint und fluten die Fernsehlandschaft mit ihren trivialen Inhalten. Auch ich kann mich dieser Entwicklung natürlich nicht verschließen und habe diese Sendungen mit kritischen Augen betrachtet. Da diese Sendungen ein Schema F besitzen, ist es recht einfach die Kritikpunkte zusammen zu tragen. Ich habe sie niedergeschrieben, in eine E-Mail verpackt und an einige Quizsendungen geschickt (9Live, Viva Plus Quiz, Night-Loft). Ich warte allerdings noch gespannt auf eine Antwort (auch wenn ich Zweifel daran hege, überhaupt eine zu bekommen).

Hier meine E-Mail:


Mein Essay zu Ihrem Sendeformat (Quiz-, Rätsel- und Gewinnspiele)


Guten Tag,

ich verfolge sporadisch Ihre Call-In-Sendungen und nehme das nun als Anlass, einmal ein paar grundlegende Worte über dieses Sendeformat zu verlieren.

(1) Der Verlauf einer solchen Sendungen ist simpel, es fängt stets mit einem oder mehreren leichten Rätsel an. Anrufer werden auch in sehr kurzer Zeit durchgestellt. Die Anfangsrätsel haben ein derart primitives Niveau, dass man sich fragt, ob Sie mich als Zuschauer ködern oder beleidigen wollen. Zu dieser Zeit wird auch nur Trinkgeld verlost; die Gewinne sind marginal.
Bis hierhin sind Ihre Sendungen lediglich anspruchslos, erst im Jackpotspiel nimmt das Ganze impertinente Züge an.


(2) Nach den Anfangsrätseln folgt das Jackpotspiel („Expertenrunde“). Das Niveau der Rätseln steigt leicht an, ist aber für die meisten nicht-pisageschädigten Menschen immer noch durchaus schaffbar.

Jetzt geschieht folgendes:

(2, 1) Der Moderator (die Moderatorin) muss gebetsmühlenartig betonen, dass das Rätsel keiner schaffe, weil es angeblich zu anspruchsvoll sei. Ganz latent wird versucht „intelligente“ Leute (oder die, die sich dafür halten) zum Anrufen zu animieren. Geschickterweise fühlen sich natürlich fast alle Menschen dadurch angesprochen, da lediglich suggeriert wird, dass es ein schweres Rätsel sei.

(2, 2) Der Moderator (die Moderatorin) ennuyiert die Zuschauer spätestens nach seiner (ihrer) dritten Sendung mit seinem (ihrem) stereotypen Verhalten. Es werden sich periodisch wiederholende Worthülsen, Tiraden und Phrasen gedrescht („Schauen sie doch mal nach draußen, sehen sie denn noch Licht?!“, „Der Hotbutton schlägt jeden Moment zu!“, „Sie müssen jetzt in der Leitung sein!“). Insgesamt wirken alle „Anruf-Animösen“ (Anruf-Animateure) idee- und kraftlos.

(2, 3) Plötzlich scheint kein Mensch mehr in der Leitung zu sein. In den einfachen Rätseln wurden Zuschauer noch prompt durchgestellt, warum diese Menschen auf einmal nicht mehr durchkommen sollten, ist mir schleierhaft (zudem die Leitung besetzt ist, wenn man anruft). Offenbar gibt es aber einige Zuschauer, die diesen Schwindel abnehmen und rufen an, da sie denken sie hätten überproportionale Gewinnchancen.

(2, 4) Wenn die Anrufer bestimmte Leitungen erwischen müssen, rufen die Moderatoren (Moderatorinnen) manchmal selbst an und treffen gleich beim ersten oder zweiten Mal die richtige Leitung. Dies ist äußerst unwahrscheinlich, da es sicherlich mindestens 20 Leitungen gibt. Auch hier versuchen Sie hohe Gewinnchancen vorzutäuschen und weitere Menschen zum Anruf zu bewegen.

(2, 5) Nachdem genügend Geld durch die Anrufer eingespült wurde, wird der Jackpot „großzügig“ erhöht und das Spiel unnötig in die Länge gezerrt, anstatt endlich auch einmal einen Anrufer durchzustellen.
Einige Spiele werden kurz vor Schluss auch abgebrochen, um die Gewinnsummen nicht ausschütten zu müssen. Bei den Anrufen, die bis dahin eingegangen sind, handelt es sich angeblich um falsche Lösungen.

(2, 6) Die Auswahl der Moderatoren (Moderatorinnen) ist allzu häufig Spiegelbild für die Anspruchslosigkeit dieses Sendeformats. Ausrangierte (und inkompetente) Big-Brother-Teilnehmer oder Ex-Boygroupler bekommen in diesen Sendungen nochmal ihr Gnadenbrot, bevor sie dann wahrscheinlich völlig von der Bildschirmfläche verschwinden.

(2, 7) Als Erweiterung zu (2, 6): Ein Teil der Moderatoren (Moderatorinnen) sind profillose 0815-Charaktere (zu mindestens stellen sie diesen Typen Mensch innerhalb ihrer Sendung dar). Bestes Beispiel sind die Moderatorinnen von Night-Loft, denen es Pläsier bereitet, zwischenzeitlichen Smalltalk über Klischeethemen wie Schuhe und Männer zu führen und ihr distinguiertes Auftreten mit dem Schlürfen von Sekt unterstreichen.

(2, 8) Das Ende der Rätsel wird ständig hinausgezögert. Um den so genannten „Hotbutton“ wird ein Tanz wie ums goldene Kalb gemacht, er hat aber leider keinerlei Verbindlichkeit. Auch jegliche Countdowns sind müßig, weil das Rätselende von der Redaktion völlig beliebig in eine schier unerträglich zähe Länge gezogen wird. Damit sollen wahrscheinlich hauptsächlich die „Zapper“ animiert werden, vor lauter Aktionismus noch schnell zum Telefon zu greifen.

(2, 9) Mit akustischer Effektmacherei wird versucht tief in die psychologische Trickkiste zu greifen. Psychedelische Hintergrundmusik soll bei den Zuschauer unterbewusste Panikmache verbreiten, so dass die Leute wie in einer Art Torschusspanik kurz vor dem (angeblichen) Ende des Rätseln Sturmanrufe tätigen.

(2, 10) Die Regeln der Spiele sind teilweise absolut intransparent. Es kommen Lösungswege zustande, bei denen sich der Zuschauer nur noch verdutzt den Sand aus den Augen reibt. Das ist Murks, Spielregeln müssen von Anfang an klar definiert werden, oder gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Geschäftsmodell unter anderem auf das Vorenthalten von Spielregeln und der bewussten Streuung von Missverständnissen beruht?

(2, 11) Die Moderatoren (Moderatorinnen) machen bisweilen despektierliche Äußerungen zu dem Sozialstatus der Zuschauer. Da werden Arbeitslose auch einmal unterschwellig diskriminiert. Ein dandyhaftes Verhalten, das man sich verkneifen könnte.


Mein Fazit:
Ich wundere mich, dass sich diese Strategie Ihrer Sendungen noch nicht breitenwirksam herumgesprochen habe. Ich bin aber hoffnungsvoll, dass dieser penetranten und defraudantischen Massensuggestion der Hahn abgedreht wird, und der Degeneration der deutschen Fernsehlandschaft wenigstens kurzweilig Einhalt geboten wird. Ich hoffe, dass dieser juristische Gratwanderung, auf der sich Ihre Glücksspiele bewegen, zu Gunsten des Verbraucherschutzes auch hier ein Hemmschuh vorgesetzt wird. Können Sie ruhigen Gewissens an so was teilhaben?

Ich habe für ihre Sendungen lediglich einen probaten Verwendungszweck entdecken können: sie eignen sich sehr zum einschlafen. Die stereotypen Äußerungen der Moderatoren (Moderatorinnen) sind so wunderbar anspruchslos und verlangen keinerlei Aufmerksamkeit (Stereotypie ist übrigens behandelbar), dass es mich rasch und effektiv in den Tiefschlaf versetzt.

Entschuldigen Sie meine Polemik, aber bei diesem Habitus fällt es mir schwer, sachlich zu bleiben.


MfG
Dirk Niemeier


Ergänzend dazu:
(2, 12) Es werden teilweise Leute durchgestellt, die behaupten, sie hätten bereits am selben Tag schon was gewonnen. Diese „Mehrfachdurchkommer“ sind wahrscheinlich gestellt und es handelt sich um Mitarbeiter der Quizsendungen, die den anderen Zuschauern vorgaukeln sollen, dass die Chance durchzukommen sehr hoch sei.

(2, 13) Es gibt einen eklatanten Widerspruch zwischen den Summen, welche die Zuschauer durch ihre Anrufe generieren und den Ausschüttungssummen. Nur zirka 10% werden wieder an die Anrufer verteilt.

(2, 14) Es werden nur falsche Antworten durchgestellt.